Thomas Perstling-Edlmair

Rückblickende Gedanken zur intensiven Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik

Als Allererstes muss festgehalten werden, dass „Styria cantat“ ein unglaublich wichtiges und unvergleichliches Projekt war – dokumentiert in über 100 dafür geschaffenen Kompositionen, präsentiert in vielen Konzerten, dargebracht von vielen verschiedenen Chören.

Ich durfte dieses Projekt bzw. die Konzerte aus verschiedenen Perspektiven miterleben: als Chorsänger (cappella nova graz), Chorleiter (Musikgymnasium Graz), Vorstandsmitglied und Zuhörer.

Styria cantat war somit ein zwingender Grund, sich mit zeitgenössischen Kompositionen in den Chorproben auseinanderzusetzen – mitunter auch eine Motivationshilfe, sich auf moderne Chormusik einzulassen: Wenn ich im Schulchor das kommende Styria cantat-Projekt ankündigte, ging ein Raunen durch den Chor – das bedeutete aufwendige Probenarbeiten, die aber letztendlich nie in Frage gestellt wurden, weil man wusste, dass der Lohn ein wunderbares Konzert und die Möglichkeit einer Uraufführung sein würde.

Allerdings sei hier angemerkt, dass so manches Stück für die Schul- bzw. Jugendchöre von der Schwierigkeit und von der Machbarkeit her an der Grenze waren oder diese bereits überschritten. Bei so manchem Stück – wissend, dass Probenaufwand für zeitgenössische Musik oft nicht mit anderer Musik zu vergleichen ist – war das Verhältnis Arbeitsaufwand zum musikalischem Ergebnis nicht befriedigend, überspitzt formuliert: die Kosten-Nutzen-Rechnung ist nicht immer aufgegangen.

Vielleicht hätte man in der Chormusik für Kinder und Jugendliche den Komponisten gegenüber noch mutiger und kompromissloser auftreten müssen: Besser bewältigbare Stücke einfordern, oder die Dauer/Länge der Kompositionen kürzen (Wenn ich Chorprogramme erstelle und die Styria cantat-Bücher durchblättere, dann entscheide ich mich letztendlich v. a. deswegen gegen eines dieser Stücke, weil sie in vielen Fällen zu lang sind. Nicht weil die Aufführung beim Konzert zu lange dauern würde, sondern weil die Einstudierung im Vergleich zu anderen Stücken eine zu lange Zeit in Anspruch nehmen würde).

Und man hätte vielleicht schon auch hie und da das Miteinfließen populärer Musikformen zulassen sollen – natürlich nur in entsprechender Qualität, nicht als Anbiederung an junge Chorsänger. Man darf aber meiner Meinung nach das weite Feld von Chorkompositionen bzw. –bearbeitungen (z. B. im Bereich der so vielfältigen A-cappella-Musik) vieler erfolgreicher moderner, boomender Ensembles v. a. auch im Bereich des Jazz nicht ganz außer Acht lassen und sollte dieses kreative Experimentierfeld vielleicht auch als Impuls für zeitgenössische Kompositionen nutzen.

Ganz anders gestaltete sich die Schiene für die steirischen „Top-Chöre“: Hier war das Programm vom Schwierigkeitsgrad zumutbar, wir durften in der cappella nova interessante qualitätsvolle Stücke präsentieren, die ins Repertoire aufgenommen wurden und auch bei so manch anderem Konzert dargebracht wurden.

Ein angenehmer Nebeneffekt der Styria cantat-Konzerte waren Abende, an denen verschiedene steirische Chöre höchster Qualität ein gemeinsames Konzert gaben – was in dieser Form in Graz sonst eigentlich nicht vorkommt.

Eine wichtige Idee wurde vielleicht zu spät geboren: Die regelmäßige Pflege zeitgenössischer Chormusik ist wahrscheinlich in der Kirchenmusik noch am besten möglich – hier wäre der Bedarf an neuen Vertonungen wahrscheinlich auch noch größer als im weltlichen Bereich. Aus diesem Grund hätte das Abschlusskonzert, was das Weiterwirken von Styria cantat betrifft, eine besondere Rolle einnehmen können.

Allerdings wären dafür wohl Texte besser geeignet gewesen, die mit der Liturgie enger verbunden sind (wie z. B. Ordinariums-Vertonungen – spannend wäre z. B. gewesen, wie drei verschiedene Komponisten ein „Kyrie“ vertonen würden...)

Abschließend lässt sich nur noch festhalten, dass „Styria cantat“ meinen Sänger- & Chorleiteralltag in den letzten Jahren erheblich bereichert hat. Ich hoffe, wir können vom musikalischen Schatz der vielen Kompositionen noch lange zehren!